Abseits von Schema F

10. Januar 2023

Wie Zuwandernde und rückkehrende Deutsche Unternehmen  bereichern können

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 23 (Oktober 2022). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Zwei Initiativen haben sich jeweils darauf spezialisiert, Ausbildungs- und Arbeitsstellen mit Einwandernden bzw. Rückkehrenden nach Deutschland zu besetzen: Während die „Willkommenslotsen“ Geflüchtete in Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse vermitteln, unterstützt „HiddenChamps“ Unternehmen dabei, Wissenschaftler*innen aus dem Ausland zurück nach Deutschland zu holen.

Heute schneidet Hazar Alshalabi Videos in einer Designagentur in Bremen, hat eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung als Mediengestalterin, geht gerne zur Arbeit. Vor wenigen Jahren sah ihr Alltag noch ganz anders aus: Sie zog von einem Flüchtlingscamp ins nächste, floh vor dem Krieg in ihrer Heimat Syrien. Ihr heutiger Chef, Norman Breitling, erinnert sich gut daran, wie er zum ersten Mal von Hazar erfuhr. Ein Willkommenslotse erzählte ihm im April 2018 von einem syrischen Mädchen auf der Suche nach einer Ausbildung, das gut in seine Agentur passen könnte. Norman Breitling hatte zuvor selbst ehrenamtlich mit Flüchtlingen gearbeitet, Berührungsängste hatte er daher nicht. Und so startete Hazar vor dreieinhalb Jahren die Ausbildung in Breitlings Betrieb. Ein erhöhtes Risiko sieht er bei der Einstellung von Geflüchteten nicht: „Wenn man einen neuen Auszubildenden einstellt, weiß man nie genau, was man bekommt – egal ob mit oder ohne Fluchthintergrund.“

Schnittstelle zwischen Unternehmen und Geflüchteten

Dennoch gab es anfangs Hürden zu bewältigen, unter anderem die sprachliche Barriere. Bei Hazar ließ sich diese mithilfe von Sprachunterricht in der Agentur und parallelem Kurs an der Volkshochschule gut überwinden. Tatsächlich ist Sprache laut Sarah Strobel die Herausforderung, die Unternehmen bei der Integration Geflüchteter am häufigsten nennen. „Es ist für Unternehmen häufig schwierig, die passenden Fördermöglichkeiten und Unterstützungsangebote zu finden“, meint die Projektleiterin des NETZWERKs Unternehmen integrieren Flüchtlinge (NUiF) von DIHK und Bundeswirtschaftsministerium. Das NUiF bereitet Willkommenslots*innen durch Schulungen auf ihre Aufgaben vor, Leitstelle des Projekts ist der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Durch ihr breites Netzwerk aus externen Sprachlehrkräften, Jurist*innen und weiteren Ansprechpersonen können die Willkommenslots*innen Unternehmen bei der Ausbildung von Neuankömmlingen entlasten. Sie verstehen sich als Schnittstelle zwischen zahlreichen Akteur*innen. Seit März 2016 sind die Lots*innen bundesweit hauptberuflich im Einsatz. Sie nehmen an Informationsveranstaltungen und Ausbilderstammtischen teil, sensibilisieren Unternehmen für Chancen, die sich durch die Besetzung offener Ausbildungs- und Arbeitsstellen mit Geflüchteten ergeben. Aber könnten die Bemühungen, Menschen in Arbeits- und Ausbildungsverhältnisse in Deutschland zu vermitteln, nicht auch das Risiko eines „Braindrains“ mit sich bringen? Darunter versteht man die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte ins Ausland, zum Beispiel nach Deutschland. „Die Willkommenslots*innen bringen Betriebe und Menschen mit Fluchtgeschichte, zum Beispiel aus Syrien, Afghanistan oder Somalia, zusammen“, erklärt Strobel. „Diese Menschen haben zum aktuellen Zeitpunkt keine Perspektive in ihren Herkunftsländern.“ Zugewanderte aus anderen Staaten stehen nicht im Fokus der Initiative, genauso wenig wie die Vermittlung von Fachkräften direkt aus dem Ausland. „Viele Willkommenslots*innen vermitteln Geflüchtete in eine Berufsausbildung“, so Strobel. „Für diese Menschen entsteht so eine gute berufliche Perspektive in Deutschland. Sollte irgendwann die Möglichkeit bestehen, in die Herkunftsländer zurückzukehren, profitieren sie auch dort vom Renommee der deutschen Ausbildung.“  

Unübliche Zielgruppe

Eine Initiative, die wiederum den Braindrain in Deutschland in den Fokus rückt, ist die German Scholars Organization (GSO). Der Verein unterstützt Wissenschaftler*innen unter anderem dabei, aus dem Ausland nach Deutschland zurückzukehren. „Rückkehrer*innen bergen ein großes Potenzial für den Standort Deutschland – nicht nur in der Wissenschaft“, so Geschäftsführerin Dr. Anne Schreiter. Deshalb werden die Fachkräfte durch die GSO nicht nur bei der Suche nach einer passenden Stelle im wissenschaftlichen Bereich unterstützt, sondern auch beim Wechsel in die Wirtschaft. Denn Unternehmen und Forschende finden selten zusammen. Dabei sei das Interesse vorhanden, vor allem vonseiten der Wissenschaftler*innen, die sich eine Stelle in einem Unternehmen häufig gut vorstellen könnten. Für die meisten Unternehmen sind Forschende hingegen eine eher unübliche Zielgruppe. „Sie denken oft, einen promovierten Wissenschaftler könnten sie nicht mehr formen“, so Schreiter. „Hinzu kommen Übersetzungsschwierigkeiten.“ Denn oftmals sei das, worauf Forschende spezialisiert sind und wonach Unternehmen suchen, dasselbe – nur wüssten sie es jeweils nicht. „Zum Beispiel sagt der Wissenschaftler, er kenne sich mit Forschungskollaborationen aus. Und das Unternehmen sucht jemanden, der das Stakeholder Management übernimmt. Aber diesen Begriff benutzt die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler eben nicht.“ Über die Initiative „HiddenChamps“ der GSO werden Unternehmen deshalb dabei unterstützt, Forschende gezielt anzusprechen – mithilfe von Stellenausschreibungen und Videobotschaften, die über soziale Netzwerke und innerhalb des GSO-Netzwerks ausgespielt werden.

Positiver Ausblick

Sowohl die „HiddenChamps“ als auch die „Willkommenslotsen“ wollen unbesetzte Stellen und Arbeitslosigkeit abbauen. Sie wollen dazu bewegen, bei der Auswahl von Bewerber*innen über den Tellerrand zu schauen. „Es ist wichtig, sich auch auf krumme bzw. verschiedene Karrierewege und soziale Hintergründe einzulassen“, so Dr. Anne Schreiter. Die GSO gibt es bereits seit mehr als 20 Jahren. Wenn Schreiter sich die Aufgeschlossenheit der Unternehmen im Verlauf der Zeit vor Augen führt, erkennt sie einen positiven Trend: „Da ist eine größere Offenheit für Diversität und eine Sensibilisierung eingetreten.“ Das bestätigt auch die „KOFA-Studie 2/2020: Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt“. Demzufolge ist der Anteil Geflüchteter in einem regulären Arbeitsverhältnis innerhalb von drei Jahren von 10,2 auf 15,8 Prozent und damit um die Hälfte gestiegen. Auch der Anteil der Unternehmen, die Menschen mit Fluchthintergrund als Auszubildende beschäftigen, hat sich von 7,2 auf 10,1 Prozent erhöht. Durch den Krieg in der Ukraine erlebt das Thema – nach dem Flüchtlingsstrom im Jahr 2014 – erneut eine erhebliche Relevanz bei den Unternehmen, wie Sarah Strobel berichtet. Und das sei eine Chance: „Dass in Deutschland ein Mangel an Arbeitskräften  herrscht, ist kein Geheimnis. Menschen mit Fluchtgeschichte können helfen, die Lücke zu schließen, und erhalten im Gegenzug eine berufliche Perspektive in Deutschland.“ Das über die „Willkommenslotsen“ in eine Ausbildung vermittelte syrische Mädchen Hazar Alshalabi hat sich mittlerweile gut in Deutschland eingelebt. Beruflich hat sie sich das Ziel gesteckt, ihr Wissen in verschiedenen Bereichen der Mediengestaltung auszuweiten, zum Beispiel im Webdesign. „Meine Kolleg*innen sagen immer, bald kannst du schon alles im Betrieb“, lacht Hazar. Wenn sie an ihre Ausbildung zurückdenkt, fallen ihr ein paar Tipps ein, die sie Auszubildenden und Betrieben mitgeben möchte. Betrieben rät sie, den zugewanderten Menschen Geduld entgegenzubringen. „Man sollte immer bedenken, dass diese Menschen aus einer anderen Kultur kommen, wodurch es zu Missverständnissen kommen kann“, erklärt Hazar. „Man macht anfangs auch mal Aufgaben falsch, weil man die Sprache noch nicht so gut versteht.“ Geflüchteten in der Ausbildung empfiehlt Hazar deshalb, Schwierigkeiten stets offen zu kommunizieren und zum Beispiel nach mehr Zeit zum Lernen zu fragen. „Denn eine Ausbildung in einer fremden Sprache kostet doppelt so viel Kraft“, so Hazar.

Flüchtlingen eine Chance geben: Norman Breitling bildete die Syrerin Hazar Alshalabi aus. (Foto: Brandfischer)

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