Audiovisuelle Medien als Trumpf in der Berufsorientierung

22. Oktober 2022

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 23 (Oktober 2022). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Deutschland belegt in der weltweiten digitalen Wettbewerbsfähigkeit Platz 18. Im europäischen Ranking hinsichtlich des Digitalisierungsgrads immerhin den 11. Platz. Diese Zahlen aus dem ersten Quartal 2022 sind nicht überraschend und zeigen ganz deutlich: Deutschland hat Nachholbedarf. Das gilt auch für die Digitalisierung in der Berufsorientierung – aber nicht nur da.

Die oben genannten Zahlen schmerzen, ja. Sie verdeutlichen, woran wir in Deutschland dringend arbeiten müssen, wollen wir unserem technologischen Anspruchsdenken gerecht werden. Ein Fingerzeig in diese Richtung ist auch die Studie „Neue (digitale) Wege in der Berufsorientierung“ des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) vom Juni 2021. Vor allem der Titelzusatz zur Studie „So können sich Unternehmen einbringen“ bringt interessante Erkenntnisse – auch nach über einem Jahr der Veröffentlichung. Eins vorweg: Für die Studie wurden Daten einer Befragung von mehr als 1.000 Schüler*innen innerhalb des Programms IW JUNIOR verwendet, das Schülerfirmen in Deutschland begleitet. Durch den geschlossenen Teilnehmendenkreis ist die Studie nicht repräsentativ, Unternehmen können dennoch praktische Lehren aus ihr ziehen.

Foto: Akshay Anand/Pexels

So läuft’s digital

Bleiben wir beim Thema Digitalaffinität: Auch wenn man wenig Positives in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sehen kann, muss man anerkennen, dass sie Deutschland einen gehörigen digitalen Boost verpasst hat. So haben auch Unternehmen im Zuge der Pandemie ihren Bewerberprozess um digitale Angebote erweitert. Die Studie betont hierbei insbesondere digitale Unternehmertalks, Online-Berufsberatungen oder virtuelle Ausbildungsmessen. So gaben rund 28 Prozent der Befragten an, bereits eines oder mehrere digitale Berufsorientierungsangebote in Anspruch genommen zu haben.

Einen besonderen Stellenwert haben heutzutage digitale und soziale Medien. So ist es kaum verwunderlich, dass auch bei der Berufsorientierung kaum ein Weg an ihnen vorbeiführt: Laut Befragung nutzt jede*r Vierte soziale Medien, um sich in punkto Berufswahl zu informieren. Für Unternehmen besonders relevant: „Vor allem die (audio-)visuellen Plattformen Instagram und YouTube sind bei den Schüler*innen beliebt. Sie werden von ihnen als wichtige Informationsquellen für die Berufsorientierung eingeschätzt. Auf diesen Plattformen können Unternehmen in kurzen Videos ihr Unternehmen, das Team und den Ausbildungsalltag zeigen. 83,4 Prozent der YouTube-Nutzer*innen sehen die Videoplattform als besonders hilfreich an. Instagram wird von 60,2 Prozent als hilfreich bei der Berufsorientierung eingeschätzt.“

Dazu passt auch, dass Jugendliche Wert darauf legen, dass Unternehmen sie als mündige Ansprechpartner*innen wahrnehmen – und sich deren Informationsmaterialien nicht ausschließlich an Eltern oder Schulen richten. Ungeachtet dessen, dass Eltern immer noch die wichtigsten Berater beim Thema Berufsorientierung sind (82 Prozent aller Nennungen). Dicht gefolgt von Schulen und Lehrkräften mit 79,6 Prozent. „Über 80 Prozent der Befragten wünschen sich eines oder mehrere Angebote zur Berufsorientierung von Unternehmen. Am häufigsten wünschen sich Schülerinnen und Schüler Unterrichtsbesuche, bei denen Unternehmensvertreter in die Schule kommen. Etwa vier von zehn Befragten wünschen sich Unternehmenspraktika. Auch digitale Angebote und Besuche vor Ort sind für etwa ein Drittel der Befragten interessant.“ Nicht zu unterschätzen ist demnach das eigene Ausprobieren der Schülerschaft. Nur in Praktika lernen die Jugendlichen die berufliche Realität kennen und erfahren, ob der Traumberuf auch als solcher taugt.

Berufliche Bildung im Brennglas

Bitter für alle in der beruflichen Bildung wird es, wenn die angesprochene Zielgruppe auf die Frage nach dem Berufswunsch antwortet: Denn nur rund 13 Prozent interessierten sich für eine berufliche Ausbildung. Über ein Drittel der Befragten würde gern einen Studienberuf ergreifen, ein weiteres Drittel weiß noch nicht, wohin die Reise geht. Es gibt aber auch Mutmachenderes in der Studie zu lesen: „Einer von zehn Jugendlichen weiß noch nicht, ob sie oder er eine Ausbildung oder ein Studium wählen möchte. Besonders aufgeschlossen für eine berufliche Ausbildung sind Jugendliche, die sich für kaufmännische Berufe interessieren.“ Da es sich bei den Befragten um Gymnasiast*innen handelt, zeigt dies deutlich, dass berufliche Bildung bei dieser Schulform (bisher) nur wenig stattfindet. Die Studie weist in diesem Zusammenhang auch auf eine Eltern-Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) im Jahr 2018 hin: „Der Eindruck vieler Eltern ist allerdings, dass an Gymnasien in erster Linie Studienorientierung stattfindet und dass die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung zu wenig oder gar nicht dargestellt werden.“

Auf den vorderen Plätzen in punkto Traumberuf rangieren neben den kaufmännischen Berufen wie Bürokaufleute, ein BWL-Studium, aber auch MINT-Berufe wie eine Ausbildung zur*zum Laborant*in oder Ingenieursstudiengänge. „Bei der Betrachtung der Berufe fällt zunächst auf, dass insbesondere im öffentlichen Dienst und im kaufmännischen Bereich Ausbildungsberufe weiterhin eine hohe Bedeutung haben. […] Für Unternehmen, die nach Auszubildenden suchen, ist insbesondere von Interesse, in welchen Berufsbereichen eine hohe Aufgeschlossenheit für Ausbildungsberufe vorherrschen könnte. Dies betrifft allen voran den MINT-Bereich. Hier war bei 37 der insgesamt 110 Nennungen keine klare Präferenz für Ausbildung oder Studium sowie bei 11 Nennungen eine klare Präferenz für Ausbildungsberufe erkennbar. Getrieben ist dies insbesondere von dem Wunsch, beruflich mit Informatik oder Wirtschaftsinformatik zu tun zu haben. Auch im künstlerisch-musischen Bereich und bei den kaufmännischen Berufen scheinen einige Jugendliche noch nicht zwischen Ausbildung und Studium entschieden zu haben.“

Uneinigkeit in der Geschlechterfrage

Besonders interessant wird es darüber hinaus in der Geschlechterfrage: Während Mädchen sich gerne im Internet, über die sozialen Medien und Material von Schulen oder der Arbeitsagentur informieren, gehen Jungs hier praktischere Wege. Sie suchen Unternehmen meist auf und nutzen das dortige Informationsmaterial oder Betriebsbesuche vor Ort. Die Gründe für die unterschiedlichen Vorlieben der Geschlechter in der Informationsbeschaffung bleibt die Studie leider schuldig.

Nachholbedarf fördert die Studie zudem beim Thema Geschlechtsneutralität in Sachen Berufswünschen zu Tage, denn diese seien nach wie vor stark rollentypisch geprägt: „Während junge Männer sich stärker für MINT-Berufe interessieren, sind junge Frauen eher an Gesundheits- und sozialen Berufen interessiert.“ Und weiter: „Während beispielsweise 27,7 Prozent aller befragten jungen Männer einen MINT-Beruf anstreben, sind es lediglich 7 Prozent der jungen Frauen. Für Gesundheitsberufe dagegen interessieren sich 17,2 Prozent der jungen Frauen, aber nur 3,6 Prozent der jungen Männer.“ Hier sind unter anderem die Unternehmen gefragt, diese Rollenklischees weiter aufzubrechen.

Fazit: Es gibt noch viel zu tun. Kreative Lösungen auf Augenhöhe, eine vernünftige Auseinandersetzung mit der Zielgruppe und die Potenziale der sozialen Medien bieten ein spannendes Betätigungsfeld in der Berufsorientierung. So klappt es dann sicher auch bald mit eine der vorderen Plätze für Deutschland im Digitalisierungs-Ranking.

Zentrale Erkenntnisse in Kurzform

1. Soziale Medien sind bei der Berufsorientierung besonders wichtig.
2. Vor allem YouTube wird als Informationsquelle genutzt.
3. Audiovisuelle Inhalte werden von der Zielgruppe am häufigsten konsumiert.
4. Im Auge behalten: Trend-Plattform TikTok ist insbesondere für jüngere Zielgruppe interessant.
5. Darüber hinaus sind Unterrichtsbesuche von Unternehmen und Praktika gefragt. Eine enge Verzahnung von Schulen und Unternehmen ist daher sinnvoll.
6. Jungen und Mädchen möchten unterschiedlich angesprochen/informiert werden. Dennoch: Geschlechterunabhängige Informationen zu Berufen brechen Rollenklischees auf und erweitern den Interessentenkreis.

Über die Studie des KOFA

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) ist ein Projekt des Instituts der deutschen Wirtschaft und wird gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Das KOFA unterstützt kleine und mittlere Unternehmen (KMU) dabei, Fachkräfte zu finden, zu binden und zu qualifizieren.
Von den in der Studie befragten Schüler*innen besuchten 74 Prozent das Gymnasium, 14 Prozent eine berufsbildende Schule und 8 Prozent eine Gesamtschule. Regionale Schwerpunkte waren in Baden-Württemberg (24,3 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (21 Prozent). (Hinweis: Die Befragung ist daher nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Schüler*innen in Deutschland, bietet aber einen interessanten Einblick in die Berufsorientierung.)

Weitere Fachbeiträge und Best-Practices finden Sie im WorldSkills Germany Magazin, dem Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen.

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