„Wir können Bildung besser machen“ — gehen wir weiter!

11. August 2023

Warum sogenannte Open Educational Resources (OER) Lernen und Lehren nachhaltig verändern können

Dieser Beitrag erschien in der Printausgabe des WorldSkills Germany Magazins – Ausgabe 24 (Mai 2023). Lesen Sie die Ausgabe hier >>

Laut Wikipedia ist „kollektive Intelligenz, auch Gruppen- oder Schwarmintelligenz genannt, […] ein emergentes Phänomen, bei dem Gruppen von Individuen durch Zusammenarbeit intelligente Entscheidungen treffen können. Der Begriff wird seit langer Zeit in vielen verschiedenen Bedeutungen verwendet, erlangte aber größere Aufmerksamkeit und Popularität erst durch die Kommunikationsmöglichkeiten größerer Gruppen von Menschen über elektronische Medien wie das Internet.” Wie das Wissen von vielen Menschen in Form einer Kultur des Teilens nutz- und verfügbar gemacht werden können, darum geht es u. a. auch beim Thema Open Educational Resources, kurz OER, die auch als freie Bildungsmaterialien betitelt werden, die unter einer offenen Lizenz stehen.

„Das Kürzel OER ist tatsächlich nicht der beste Einstieg, um ein spannendes Gespräch zu beginnen. Es ist viel zu sperrig, dabei verbirgt sich so viel Gutes dahinter”, gesteht Sarah-Isabella Behrens, die das Bündnis Freie Bildung koordiniert und bei Wikimedia Deutschland e. V. als Projektmanagerin im Bereich Bildung, Wissenschaft und Kultur arbeitet. Das Bündnis hat es sich seit knapp 10 Jahren zur Aufgabe gemacht, gleichgesinnte Organisationen, Institutionen und Einzelpersonen zu vereinen und sich so für freie, offene Bildung auf bildungspolitischer Ebene kollektiv und aktiv einzusetzen: „Wir setzen uns ein für frei zugängliche und veränderbare Bildungsmaterialien, kollaboratives, digital vernetztes Lernen und Lehren im Sinne einer offenen Bildungspraxis, freie und offene Software und Infrastrukturen. Wir möchten Bildungschancen verbessern und allen Menschen zu mehr gesellschaftlicher Partizipation verhelfen. Das funktioniert, indem wir gewillt sind, überholte Bildungsstrukturen aufzubrechen”, führt sie weiter aus und ergänzt: „Kurzum: Wir verstehen Bildung als Menschenrecht.”

Mehr Dringlichkeit gefordert

Dabei ist das Thema OER nicht neu. Die Anfänge liegen bereits knapp 15 Jahre zurück und schon auf den zwei Weltkongressen der UNESCO in den Jahren 2012 und 2017 diskutierten Vertreter*innen aus unterschiedlichsten Bereichen die Chancen und Herausforderungen freier Bildungsmaterialien. Im November 2019 verabschiedete die UNESCO-Generalkonferenz eine Empfehlung zum Thema. In Deutschland hat sich u. a. das Bündnis Freie Bildung für eine Anerkennung auf höchster politischer Ebene stark gemacht: Im Juli 2022 veröffentlichte die Bundesregierung eine eigene OERStrategie. „Wir haben als Bündnis die OER-Strategie der Bundesregierung maßgeblich mit vorangebracht. Diesen Meilenstein haben wir über Jahre hinweg über Positionspapiere und Runde Tische angestoßen und u. a. den praxiserprobten Mehrwert freier Bildungsmaterialien zur Verbesserung von Bildung verdeutlicht“, erläutert Behrens. Aber warum stockt es jetzt an dem wegweisenden Punkt einer Umsetzung der Strategie? Worauf wird gewartet? Wie lebendig kann die OER-Strategie sein, wenn sie zwar auf dem Papier existiert, aber nicht in die Praxis transferiert wird? Diese Fragen stellt sich auch Sarah-Isabella Behrens: „Wir haben jetzt Frühjahr 2023, die OER-Strategie wurde im Sommer des vergangenen Jahres veröffentlicht. Wir brauchen bei dem Thema mehr Dringlichkeit. Die Umsetzung in die Praxis muss mehr Priorität erhalten. Es gibt genügend Ansätze, Projekte, Tools, Methoden und eine sehr erfahrene und hilfsbereite Community, die bereit ist, konkrete Wege aufzuzeigen, wie wir Bildung zugänglicher, digitaler und inklusiver machen können. Wir können es uns nicht leisten, so zögerlich bei den nächsten Schritten zu sein, wenn wir in Sachen digitale, zeitgemäße Bildung nicht vollständig zurückfallen wollen. Die Politik muss handeln und die nächste Phase der Umsetzung der Strategie einleiten.”
Wie ein Miteinander gestaltet werden kann, ist wichtig für die Weiterentwicklung von Bildungsmedien. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) will die Mehrwerte von OER beim Zugang und der Gestaltung von Bildungsprozessen, wie in der OER-Strategie beschrieben, mit kommerziellen Bildungsressourcen und mit den Ansätzen innovativer Medienanbieter verbinden. Dabei gilt es selbstverständlich zu beachten, dass Bildung Ländersache ist – und diese entwickeln parallel eigene Initiativen: Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat 2021 die Ergänzung „Lehren und Lernen in der digitalen Welt“ zu ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ erarbeitet. Die Ergänzung stellt u. a. die Zusammenarbeit und Vernetzung bei freien Lehr- und Lernmaterialien in den Fokus. „Für einen tatsächlichen Wandel in der Bildung braucht es mehr Offenheit: Das Thema OER in Silos zu denken reicht nicht aus, wenn ernsthaft der Wille da ist, Veränderungen zu bewirken”, so Behrens.

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Entlastung von Lehrpersonal

Nichtsdestotrotz bleibt dies eine Mammutaufgabe, das weiß auch die Koordinatorin des Bündnis Freie Bildung: „Es zeigt sich, dass unterschiedliche Voraussetzungen mit erfüllt sein müssen, damit das Konzept nachhaltig Eingang in die Praxis finden kann. Für belastbare Perspektiven im Bereich Bildung gehört das Thema Infrastruktur: die digitale Infrastruktur ebenso wie entsprechende Räumlichkeiten.“ Aber auch weitere Themen wie ausreichend Lehrpersonal oder eine gewisse Medienkompetenz als Basis sind dabei entscheidend. Behrens betont: „Freie Bildungsmaterialien sind kein Selbstzweck. Sie sollen dazu führen, dass wir ein offenes Verständnis von Lernen und Lehren bekommen, selbstkritisch und autonom in der Lage sind, uns mit dem eigenen Lernprozess auseinanderzusetzen und in der Lage sind, diesen selbst zu gestalten. Damit geht eine Selbstermächtigung einher.“ Positiver Nebeneffekt: Durch das Teilen, Vernetzen und Austauschen von Inhalten und Lehrweisen stehen eine gegenseitige Unterstützung und das voneinander Lernen im Mittelpunkt, was Lehrpersonal auf Dauer massiv entlasten kann. Freien Bildungsmaterialien kommt somit eine Schlüsselrolle dabei zu, effizienter und besser zu lehren und zu lernen.

Definition der UNESCO: „Open Educational Resources (OER) sind Bildungsmaterialien jeglicher Art und in jedem Medium, die unter einer offenen Lizenz stehen. Eine solche Lizenz ermöglicht den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Dritte ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen. Dabei bestimmen die Urhebenden selbst, welche Nutzungsrechte sie einräumen und welche Rechte sie sich vorbehalten. Open Educational Resources können einzelne Materialien, aber auch komplette Kurse oder Bücher umfassen. Jedes Medium kann verwendet werden. Lehrpläne, Kursmaterialien, Lehrbücher, Streaming-Videos, Multimedia-Anwendungen, Podcasts – all diese Ressourcen sind OER, wenn sie unter einer offenen Lizenz veröffentlicht werden. Die UNESCO hat den Begriff ‚Open Educational Resources‘ geprägt.“

OER in der Praxis
Interessierte finden hier eine Linksammlung zu Plattformen und Verzeichnissen mit OER-Materialien. WorldSkills Germany wird das Thema in den kommenden Ausgaben weiterverfolgen.
Haben Sie Interesse an einem Workshop? Dann lassen Sie uns das wissen: info@worldskillsgermany.com.

https://buendnis-freie-bildung.de/

https://buendnis-freie-bildung.de/oerstrategie/

https://www.unesco.de/bildung/open-educational-resources

https://www.bmbf.de/SharedDocs/Publikationen/de/bmbf/3/691288_OER-Strategie.html

Weitere Fachbeiträge und Best-Practices finden Sie im WorldSkills Germany Magazin, dem Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen.

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