„Verzichtet bei der Stellenausschreibung auf zwanghafte Jugendsprache“

21. Oktober 2022
Sören Rabe
Xenia Ramminger
Ben-Luca Franzmann
Daniel Kalisch

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 23 (Oktober 2022). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Wie erleben jungen Menschen ihre Berufsorientierungsphase und was hilft ihnen dabei, sich für einen Beruf zu entscheiden? Woran liegt es ihrer Meinung nach, dass so viele Jugendliche nicht den Ausbildungsplatz finden, den sie sich wünschen? Was müssen Ausbildungsbetriebe tun, um Auszubildende für sich zu gewinnen?

Sören Rabe, (21)
Konditor, beim KaDeWe in Berlin

Wann hast du dich entschieden, deine Ausbildung in genau diesem Beruf zu machen?
Für meine Ausbildung habe ich mich mit 14 Jahren entschieden, als ich das erste Mal in einer Backstube stand. Ich wusste sofort, dass ist der Beruf, der mir Spaß machen wird. Und ich hatte recht. Daher war es für mich recht einfach, eine Entscheidung zu treffen.

Wie empfandest du deine Berufsorientierungsphase?
Es gab keine lange Orientierungsphase oder eine Zeit, in der ich mich für das eine oder gegen das andere entscheiden musste. Darüber bin ich ziemlich glücklich.

Was hat dir geholfen, dich für deinen jetzigen Beruf zu entscheiden?
Noch mehr Bestätigung gaben mir mehrere Praktika in der Schulzeit. In diesen konnte ich in mehrere Betriebe reinschauen und Eindrücke über die Vielseitigkeit dieses Berufes gewinnen.

Wie und wo hast du deinen Ausbildungsplatz gefunden?
Als es dann in die Bewerbungsphase ging, habe ich online recherchiert, wo ich meine Ausbildung machen möchte. Ich habe nur eine Bewerbung geschrieben und dann hat alles gepasst.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass so viele junge Menschen nicht den Ausbildungsplatz finden, den sie sich wünschen, wenn gleichzeitig tausende Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben?
Dieser große Faktor der Rahmenbedingungen, ist für viele ein Auswahlkriterium bei der Berufswahl. Hier konkurrieren die wenigen Ausbildungsberufe, in denen die Rahmenbedingungen stimmen, mit den vielen, wo das noch nicht der Fall ist. Außerdem gibt es einige Branchen, die deutlich präsenter und auch anerkannter in der Gesellschaft sind. Dieses Ungleichgewicht sorgt meiner Meinung nach dafür, dass viele ihren Traumberuf gar nicht finden können.

Was müssen Ausbildungsbetriebe tun, um Auszubildende für sich zu gewinnen?
Grundsätzlich müssen Ausbildungsberufe attraktiver für junge Menschen werden. Hier sehe ich aber weniger die Betriebe in der Pflicht, die im Rahmen dieses Systems wirtschaften, sondern eher die Politik.
Aber natürlich kann jeder Betrieb individuell Maßnahmen schaffen. Dazu gehört für mich ein deutlich höherer Mindestlohn für Auszubildene und Facharbeiter*innen, Arbeitszeitverkürzung, besonders in körperlich anstrengenden Berufen oder zusätzliche Bildungsangebote, wie Kurse oder Bildungsreisen. Aber auch Anreize wie die Unterstützung bei der Wohnungssuche sind dringend notwendig. Grundsätzlich muss der Fokus von der “reinen Arbeitskraft “ auf die individuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter*innen gelenkt werden.

Xenia Ramminger (28)
Auszubildende zur Verwaltungsfachangestellten in der Landesverwaltung Berlin am ALBBW Berlin

Wann hast du dich entschieden, deine Ausbildung in genau diesem Beruf zu machen?
Für die Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten habe ich mich während meiner berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme entschieden.

Wie empfandest du deine Berufsorientierungsphase?
Meine Berufsorientierung zu Schulzeiten war leider nicht gut organisiert, daher ist vieles untergegangen und es mangelte an Unterstützung. Jedoch war das berufsvorbereitende Bildungsjahr am Annedore-Leber-Berufsbildungswerk, an das der Start meiner Ausbildung unmittelbar anknüpfte, sehr gut. Ich konnte viele Berufe ausprobieren und wurde durch den pädagogischen Dienst gut begleitet.

Was hat dir geholfen, dich für deinen jetzigen Beruf zu entscheiden?
Durch die Berufsvorbereitung konnte ich viele Bereiche ausprobieren und dementsprechend ausschließen. Außerdem wurde mir eine dreiwöchige Hospitation in der laufenden Ausbildung ermöglicht, in der ich einige konkretere Inhalte des Berufes kennenlernen konnte.

Wie und wo hast du deinen Ausbildungsplatz gefunden?
Nach einigen Beratungen mit meiner Sachbearbeiterin des Jobcenters habe ich eine Broschüre für das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin erhalten. Dort habe ich mich vorgestellt und bereits kurze Zeit später mein berufsvorbereitendes Bildungsjahr begonnen. Als dieses beendet war, habe ich direkt im Anschluss meine Ausbildung am gleichen Ort begonnen.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass so viele junge Menschen nicht den Ausbildungsplatz finden, den sie sich wünschen, wenn gleichzeitig tausende Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben?
Viele Ausbildungsträger orientieren sich leider an der stetig wachsenden Menge an Abiturient*innen und Studierenden. Dadurch wachsen die Anforderungen, die sie an potenzielle Auszubildende stellen. Junge Menschen mit weniger hochwertigen Abschlüssen bleiben dadurch oft auf der Strecke. Personaler reduzieren Bewerber*innen bedauerlicherweise zu oft auf schulische Leistungen, statt sich ein Bild von dem Menschen zu machen.

Was müssen Ausbildungsbetriebe tun, um Auszubildende für sich zu gewinnen?
Auch wenn dies einen höheren Aufwand bedeuten würde: Eine zeitnahe Antwort auf Bewerbungen, und sei es nur die Absage, helfen den angehenden Auszubildenden, die Motivation zu behalten. Gute Arbeitsbedingungen und pädagogisch geschultes Leitungspersonal wirken sich positiv auf die Attraktivität von Arbeitgebern aus.
Löhne und Gehälter, die nicht nur „gerade so“ dem Tarif entsprechen, sind für Auszubildende natürlich auch wichtig (Welcher junge Mensch möchte nicht seinen ersten eigenen Haushalt gründen?). Und verzichtet bei eurer Stellenausschreibung bitte auf zwanghafte Jugendsprache ;)

Ben-Luca Franzmann (20)
Auszubildender zum Maler und Lackierer beim Malerbetrieb Franzmann in Allenfeld

Wann hast du dich entschieden, deine Ausbildung zu machen?
In der neunten Klasse, weil mir die Schule nicht viel Spaß gemacht hat.

Wie empfandest du deine Berufsorientierungsphase?
Ich war mir schon recht früh sicher, dass ich auch Maler werden möchte und daher habe ich mir gar nicht viele Gedanken über andere Berufe gemacht.

Was hat dir geholfen, dich für deinen jetzigen Beruf zu entscheiden?
Da ich von klein auf in den Betrieb meiner Eltern mit reingewachsen bin, war für mich schon als kleines Kind klar, dass ich auch Maler werden möchte.

Wie und wo hast du deinen Ausbildungsplatz gefunden?
Ich habe zuhause im elterlichen Betrieb gelernt.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass so viele junge Menschen nicht den Ausbildungsplatz finden, den sie sich wünschen, wenn gleichzeitig tausende Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben?
Es gibt heutzutage sehr viele verschiedene Ausbildungsberufe, sodass man eine große Auswahl hat und man sich fast nicht entscheiden kann. Ich denke aber, dass es sehr wichtig ist, wenn man eine Richtung hat und dann in verschiedenen Berufen ein Praktikum macht, um die Berufe genau kennenzulernen.

Was müssen Ausbildungsbetriebe tun, um Auszubildende für sich zu gewinnen?
Die Betriebe müssen Praktikumsplätze und ein attraktives und modernes Umfeld während der Ausbildung bieten.

Daniel Kalisch (20)
Dualer Student der Wirtschaftsinformatik bei der Deutschen Telekom in Bonn

Wann hast du dich entschieden, deine Ausbildung zu machen?
Zu dem dualen Studium habe ich mich 2019 entschieden. Am Ende der 11. Klasse bewarb ich mich und bekam nach mehreren Bewerbungsgesprächen eine Zusage. Dadurch konnte ich nach dem Schulabschluss ohne lange Wartezeit direkt mit dem Studium anfangen und Erfahrungen sammeln.

Wie empfandest du deine Berufsorientierungsphase?
Die Berufsorientierungsphasen innerhalb der Schule halfen bei ersten Anstößen, in welche Richtung ich gehen wollte. Dabei gab es mehrwöchige Praktika in Unternehmen sowie ein Sozialpraktikum in einer ehrenamtlichen Einrichtung. Hierbei konnte ich in die verschiedenen Berufsfelder gut reinschnuppern, viele Fragen stellen und Erfahrungen sammeln. Es ist etwas anderes etwas auszuprobieren, als nur darüber zu lesen oder zu hören.

Was hat dir geholfen, dich für deinen jetzigen Beruf zu entscheiden?
Da ich noch sehr jung bin, wollte ich möglichst schnell Erfahrungen sammeln. Außerdem hat das Unternehmen einen sehr guten Ruf und bietet ausgezeichnete Ausbildungen und duale Studiengänge. Natürlich kann ich hierbei Arbeit und Studium gleichzeitig kennenlernen, was für mich einen erheblichen Vorteil darstellt. Das Unternehmen betreut die Studierenden und Auszubildende außerdem durch eine sogenannte „Studienbegleitung“, die den Lernfortschritt beobachten und die zu betreuenden Personen dabei unterstützen. Des Weiteren erhalten die Auszubildenden und Studierenden eine*n sogenannten „Business Expert*in“. Diese Personen sind im Betrieb dafür zuständig, mit den Lernenden Aufgaben zu bearbeiten. Dadurch lernt man sowohl in der Studien-, als auch in der Arbeitsphase erheblich mehr. Darüber hinaus sagt mir Informatik sehr zu, weshalb der Studiengang mich persönlich sehr interessiert.

Wie und wo hast du deinen Ausbildungsplatz gefunden?
Den Ausbildungsplatz hat mir ein Bekannter, der dort bereits arbeitet, empfohlen. Die umfangreichen Möglichkeiten des Unternehmens haben mich letztendlich überzeugt. Beispielsweise werden Auslandssemester und eine Vielzahl an Bildungsmöglichkeiten angeboten. Diese fand ich auf deren Homepage und dem Ausbildungs-Instagram-Channel nach kurzer Online-Recherche.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass so viele junge Menschen nicht den Ausbildungsplatz finden, den sie sich wünschen, wenn gleichzeitig tausende Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben?
Eine großartige, oftmals ungenutzte Möglichkeit bieten Praktika. Dadurch können in Berufsfelder reingeschnuppert und die eigenen Präferenzen und Fähigkeiten erforscht werden. Darüber hinaus hilft es, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, welchen Weg sie gehen oder gegangen sind und ob sie es wieder machen würden.

Was müssen Ausbildungsbetriebe tun, um Auszubildende für sich zu gewinnen?
Meines Erachtens ist die Marke ein überzeugender Faktor. Steht diese Marke für Qualität und Sicherheit, fühle ich mich bei einem Unternehmen schneller gut aufgehoben. Natürlich machen verschiedene Angebote, wie flexibles Arbeiten, Auslandssemester oder spätere Berufsaussichten ein Unternehmen erheblich attraktiver. Da ich von meinem Unternehmen überzeugt bin, teile ich die Meinung privat, mache so zusätzlich Werbung und helfe anderen ebenfalls eine großartige Ausbildung zu finden.

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