Einzigartiges Azubi-Projekt: Oldtimer-Bus „Josefine“ erstrahlt in neuem Glanz

5. März 2021

Der folgende Beitrag basiert auf einem ausführlichen Bericht von schaden.news / Autorin des Originalbeitrags: Carina Hedderich

Die Restaurierung und Lackierung historischer Fahrzeuge erfordert nicht nur viel Liebe zum Detail, sondern auch Zeit und Können. Werkstätten, die im Young- und Oldtimer-Segment tätig sind, können dies bestätigen. Im Falle der Lackierung des Projektes "Turbuss Josefine" – war Zeit jedoch ein äußerst knappes Gut.

Es war ein einzigartiges Ausbildungsprojekt: Der Lackhersteller Glasurit, die Carl Friederichs GmbH in Frankfurt am Main und das Berufsbildungs- und Technologiezentrum Weiterstadt der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main – dem von WorldSkills Germany zertifizierten Bundesleistungszentrum für Fahrzeuglackierer*innen – haben gemeinsam einen norwegischen Bus aus den 60er-Jahren zu neuem Glanz verholfen. Große Unterstützung gab es dabei von Mariusz Dechnig, WorldSkills Germany-Bundestrainer für die Wettbewerbsdisziplin "Fahrzeuglackierer*in", der bereits bei der Instandsetzung des ADAC-Jugendclub-Rollers von 1996 seine Expertise unter Beweis stellte. WorldSkills Germany berichtete hier über das Projekt >>

Nur sieben Exemplare weltweit

Josefine, das ist ein in den 60er-Jahren in Norwegen gebauter Turbuss – norwegisch für Reise- und Ausflugsbus – aus der Karosseriefabrik "A&G Føreland Karosserifabrikk" in Øvrebø, entstanden auf Basis der Mercedes LP 608 LKW-Karosserie mit Radstand 4,20 Meter. Nur sieben dieser Turbusse wurden jemals gebaut und Josefine ist wahrscheinlich das letzte erhaltene dieser Fahrzeuge.

Vier wertvolle Partner packen es gemeinsam an

In einem einmaligen Kooperationsprojekt wird Josefine derzeit restauriert. Der Besitzer, Dr. Steffen Wachenfeld, Berliner Unternehmer mit großer Liebe zu automobilen Klassikern, erklärt: "Die Aufbereitung des Busses war bereits mehrere Wochen im Gange durch den Vorbesitzer, drohte jedoch im Frühling 2020 Corona bedingt zu scheitern." Er entschied sich deshalb, das Projekt zu übernehmen. Die Partnerschaft mit Glasurit bot dann die Chance, den Bus fachlich korrekt aufzubereiten, zu erhalten und etwas Besonderes zu schaffen.

Jürgen Book, Leiter Classic Cars bei Glasurit und anerkannter Oldtimer-Experte, konnte, wie schon beim ADAC-Jugendroller, auch diesmal wieder das Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) Weiterstadt der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main als dritten Partner gewinnen. "Eine elementare Bedingung unsererseits war, dass unser Partner WorldSkills Germany in Person von Mariusz Dechnig, seines Zeichens der WorldSkills-Experte für die Fahrzeuglackierung, das Projekt begleitet. Denn unser Ziel ist es, das Berufsbild des Fahrzeuglackierers zu stärken und jungen Menschen Spaß an diesem Beruf zu vermitteln. Das geht am besten über derartige, einzigartige Projekte", erklärt Book. "Natürlich habe ich nicht lange überlegt, als diese Anfrage kam", erinnert sich Mariusz Dechnig, Ausbilder am BTZ Weiterstadt. "Für das Projekt habe ich gezielt fünf Fahrzeuglackierer-Auszubildende des aktuellen Lehrgangs angesprochen und sie waren sofort Feuer und Flamme." Unterstützt wurden die Fünf phasenweise von Auszubildenden einer weiteren Klasse des Ausbilders Andrew Duffy.

Der vierte Projektpartner war schließlich die Carl Friedrichs GmbH in Frankfurt am Main. Das Unternehmen bot eine optimale Ausstattung und vor allem eine entsprechend große Lackierkabine, welche im BTZ in dieser Größe nicht vorhanden ist. Den Geschäftsführer Stephan Berger verbindet seit 60 Jahren eine sehr gute Zusammenarbeit mit Glasurit. "Außerdem ist Mariusz Dechnig ja unser Weltmeistermacher", meint Berger, ist der dortige Lackiermeister Felix Bergfeld doch ein ehemaliger Meisterschüler von Mariusz Dechnig und der von ihm ausgebildete Friederichs-Mitarbeiter Maid Karasalihovic belegte bei der WM der Berufe WorldSkills 2015 in Sao Paulo einen fantastischen 4. Platz.

Von den Formalitäten in die Praxis

Was geschah also mit Josefine? – Zunächst wurde der Turbuss einmal komplett bis auf das Rohgerüst zerlegt, entrostet, sandgestrahlt und technisch überholt. Alle Arbeiten rund um Karosserie, Fahrwerk und Motor wurden durchgeführt von dem Turbuss-Projektteam und fanden in den Hallen und mit Unterstützung der Bustechnik Maniacs GmbH in Ankershagen an der Mecklenburgischen Seenplatte statt.

Festlegung des Designs

Im Rahmen des Wiederaufbaus sollte Josefine auch ihr ursprüngliches Gewand wieder erhalten. Die Recherche von Glasurit mit dem Mercedes-Benz Classic Archiv ergab, dass es damals keine Standardfarben gab. "Die Busse wurden nach der Farbvorgabe der Besteller lackiert und jede Linie oder jeder Besteller hatte eigene Farbwünsche", so Lackexperte Jürgen Book. Anne Gutberlet aus dem Turbuss-Team entwarf das zeitgenössische Lackierungs-Design, auf das man sich gemeinsam mit dem Turbuss-Team um Dr. Steffen Wachenfeld einigte. "Wir haben einen sehr hohen Anspruch und sind sehr froh über Glasurit den Zugang zu den authentischen in den 60er Jahren verwendeten Mercedes-Farbtönen zu haben und mit Herrn Dechnig und seinem Team Partner zu haben, die die anspruchsvolle Umsetzung zuverlässig bewerkstelligen können", so Gutberlet.

Stolz auf die hervorragende Arbeit: Die angehenden Fahrzeuglackierer haben mit der Lackierung von "Josefine" Top-Leistung erbracht! (Foto: Mariusz Dechnig)

Vom Berufsbildungs- und Technologiezentrum Weiterstadt ...

Die Lackierung der Karosse übernahmen BTZ-Ausbilder Mariusz Dechnig und sein Team aus angehenden Gesellen: Tonino Marciante, Junaid Ahmed, Aron Rossem Tadese, Mohamed Moaaz und Ennur Yildiz. "Im BTZ haben wir die Vorarbeiten durchgeführt, bevor der Bus schließlich nach Frankfurt zur Lackierung gebracht wurde", erklärt der Ausbilder und Nationaltrainer. Für die fünf Auszubildenden hieß das vor allem: Schleifen im Akkord. Denn laut Zeitplan sollte der Bus bereits eine Woche später in der Lackierkabine stehen. "So ein Bus hat natürlich ganz andere Dimensionen als ein Pkw, das sind riesige Flächen die zu bearbeiten sind", merkt Mariusz Dechnig an. Deshalb war die zwischenzeitliche Unterstützung durch Andrew Duffy mit seiner 10-köpfigen Klasse höchst willkommen. Dechnig fügt hinzu: "Dieses Projekt zeigt was geht, wenn alle wollen" und bezieht sich dabei auch auf das Anmieten einer Gerüstbauhalle gegenüber der Schulwerkstatt, in der Arbeiten ausgeführt werden konnten, die in den Gebäuden der Schule Weiterstadt nicht möglich waren.

Dennoch war das Zeitkonto äußerst knapp. Um den Zeitplan einzuhalten, legte Mariusz Dechnig samstags kurzerhand alleine Hand an beim Abschleifen und neu Abdichten der Überlappungszonen der Bleche auf dem Dach, bevor der Bus für den Transport nach Frankfurt verpackt und abgeholt wurde. Gleichzeitig war der Ausbilder zufrieden mit der Leistung und Vorarbeit seiner Schüler. „Das war die härteste Woche in der Ausbildung“, erzählt Tonino Marciante, angehender Geselle, der wie seine Kollegen nach der ersten Woche Muskelkater und körperliche Erschöpfung spürte.

... zur Firma Carl Friederichs GmbH in Frankfurt und ...

Der Zeitdruck ließ nicht nach. Das Projektteam gab sein Bestes, das Tagesziel zu erreichen, unterstützt von Friedrichs-Mitarbeitern mit Tipps zur Anlagentechnik und am Schluss auch bei Abklebearbeiten. In den folgenden Tagen wurde der Bus also mit großer Sorgfalt abgeklebt, lackiert und geschliffen. Am fünften Tag erfolgten die letzten Finisharbeiten - die Gold lackierten Streifen wurden maskiert, Rotmetallic und Klarlack aufgetragen. Bevor der Bus erneut für den Transport verpackt und abgeholt wurde, lackierte Mariusz Dechnig im BTZ – natürlich samstags – kleine Abbauteile (4 Klappen und 2 Türen).

Der Auszubildende Junaid Ahmed erzählt schaden.news über das Projekt: „Das hat richtig Spaß gemacht, vor allem, weil man im normalen Werkstattalltag nicht so große Flächen lackieren kann.“ Sein Kollege Ennur Yildiz ergänzt: „Nicht jeder Auszubildende bekommt die Chance, an so einem Projekt mitzuarbeiten. Parallel auf beiden Seiten gleichzeitig von Hebebühnen aus zu lackieren, ist schon etwas Besonderes.“
„Nach den 2 Wochen hat mir und den Azubis alles wehgetan. Es war eins der größten Projekte seit langer Zeit und für einen Schul- und Ausbildungsbetrieb völlig ungewöhnlich“, fasst Mariusz Dechnig zusammen. Und mehr als ungewöhnlich, eigentlich außergewöhnlich, ist auch die Einstellung des WorldSkills Germany-Bundestrainers der Lackierer, die dieses Projekt möglich machte.

Kumuliert ca. 550 Stunden verbrachten die Lehrlinge und Ausbilder mit dem Bus und haben „Josefine“ neuen Glanz verliehen. In nur 2 Wochen schafften die Schüler und ihr Lehrer das, was normalerweise erheblich länger dauern sollte: Die Lackierung eines kompletten Oldtimer-Busses. Classic Car-Leiter Jürgen Book betont: „Dieser knappe Zeitrahmen war in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung. Die Prozesszeiten in der Oldtimerlackierung sind meist erheblich länger, denn bei der Lackierung historischer Fahrzeuge ist es wichtig den Lackschichten genug Zeit zur tatsächlichen Aushärtung und Lösemittelverdunstung zu geben.“ Dennoch ist das Ergebnis hervorragend und alle Beteiligten können mit Stolz auf das Erreichte blicken.

... zurück nach Ankershagen

Für Josefine ging es nach Abschluss der Lackierarbeiten zurück nach Ankershagen, wo sie weiter zusammengesetzt und danach ausgebaut wird. Ihr Besitzer Dr. Steffen Wachenfeld lobt: „Das Vertrauen hat sich gelohnt, das Restaurierungsteam hat hervorragende Arbeit geleistet und von Herrn Dechnig und seinen Auszubildenden kam eine Josefine zurück, die wirklich prachtvoll in der Sonne strahlt. Tolle Farben und gute Arbeit bis ins Detail. Mein Team und ich sind hochzufrieden und sehr dankbar. Wir freuen uns darauf nach Corona mit allen Beteiligten eine Ausflugsfahrt zu machen.“

Die Zukunft für „Turbuss Josefine“

Doch Josefine soll in Zukunft nicht nur mit ihrem Äußeren strahlen, sondern auch mit einer ganz besonderen Innenraumgestaltung. Verantwortlich sind hierfür – ebenso wie für die Außengestaltung – die Projektleiter Anne Gutberlet und Oliver Köppel vom Berliner Gestaltungskollektiv quando quando (http://quandoquando.de). Was außen mit der aufwendigen 4-Farb-Lackierung und sorgfältig hergerichteten Zierleisten, Griffen und Scharnieren bereits gelingt, soll auch innen weitergeführt werden. Josefine, für die bereits auch Messeauftritte vorgesehen sind, soll im Innenraum hinten eine Panorama-Küche und in der Mitte einen gemütlichen Sitzbereich bekommen. Die gesamte Ausstattung soll auf Veranstaltungen nutzbar sein und zeitgenössisches Design im Look der 60er-Jahre mit modernster Funktionalität und hochinnovativen Ideen verbinden.

Weitere Informationen zum Turbuss Josefine und wo Sie diesen einmal live in Augenschein nehmen können, erfahren Sie hier: www.turbuss.de

Technische Details:
- Erstzulassung: 11.10.1969
- Höhe 3100 mm
- Breite 2360 mm
- Länge 7500 mm
- Leergewicht 4650 kg
- zul. Gesamtgewicht 6500 kg
- Motor OM 314, Dieseldirekteinspritzer, 3.758 ccm, 63 kW

Noch mehr Details zur Restaurierung und Lackierung von "Josefine" erfahren Sie im ausführlichen Bericht auf schaden.news / Eine Bildergalerie mit weiteren Fotos finden Sie ebenfalls auf schaden.news

WorldSkills Germany bedankt sich bei allen Partnern für die hervorragende Zusammenarbeit und die einzigartige Möglichkeit, jungen Fachkräften durch ausbildungsbegleitende Projekte dieser Art, zusätzliches Wissen und Können zu vermitteln. Durch das große Engagement aller Beteiligten, allen voran auch unseres Bundestrainers Mariusz Dechnig, werden Auszubildende zusätzlich motiviert, Top-Leistungen zu erbringen und als Botschafter ihres Berufes, diesen in der Öffentlichkeit attraktiv zu präsentieren.

Voller Körpereinsatz: die Auszubildenden lackieren von zwei Seiten das Dach des Busses. (Foto: Mariusz Dechnig)

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