Keine Berührungsängste: Jugendliche packen gern auch mal an

15. März 2019

Mit „Entdecke Deine Talente“ erleben rund 200 Schülerinnen und Schüler praktische Berufsorientierung

Die Realschülerin Isabel sitzt gebannt vor einem leeren Blatt Papier. Langsam bewegt sie den Stift, zieht hier ein paar Kreise, zeichnet dort einen Schriftzug – und gestaltet nach und nach mit einfachen Mitteln eine Postkarte. Diese bewirbt ein Event für das Transportmittel der Zukunft, ein fliegendes Fahrrad. Angeleitet wird sie dabei von Christoph Holzhäuser, Mediengestalter der agentur kmr aus Stuttgart. Die praktische Umsetzung des Postkartendesigns war Teil des dreitägigen Berufsorientierungsprojekts „Entdecke Deine Talente“ im baden-württembergischen Renningen, das von WorldSkills Germany entwickelt wurde.

Die rund 200 Schülerinnen und Schüler der achten Klassen der Werkrealschule, Realschule bzw. des Gymnasiums in Renningen konnten sich mit „Entdecke Deine Talente“ nicht nur über interessante Berufe informieren, sondern diese auch direkt in der Praxis testen. In sechs Kompetenzfeldern, zum Beispiel kreativ-sprachlich, handwerklich-technisch oder pädagogisch-helfend, zeigten sieben regionale Partnerunternehmen und -institutionen, was ihren Beruf ausmacht. Der praktische Austausch kam – wie schon in den Vorjahren – sehr gut an: „Es ist toll, dass die Kinder ihre Fertigkeiten einfach mal aus-probieren und herausfinden können, ob ihnen die Tätigkeit liegt. So lernen sie vor allem auch, was sie nicht mögen. Eigentlich müssten wir noch viel mehr Berufe abbilden und uns noch mehr Zeit nehmen“, sagt Christa Röhr, Konrektorin der Realschule. Entgegen mancher Vorurteile hatten die Schülerinnen und Schüler absolut keine Berührungsängste. Ihr großes Interesse an der etwas anderen Berufsorientierung zeigte: Jugendliche mögen es praktisch und packen gern auch mal an.

Wichtig für die spätere Berufsorientierung: Ist das was für mich?
Mit „Entdecke Deine Talente“ hat WorldSkills Germany eine Herangehensweise entwickelt, um den Nachwuchs durch „Mitmach-Angebote“ für Berufe zu begeistern. Nach jeder Station erhalten die Schülerinnen und Schüler eine persönliche Bewertung sowie berufsspezifische und zielgruppengerech-te Informationsunterlagen. „Der praktische Aspekt ist entscheidend: Entgegen anderer gängiger Programme nimmt die rein informative Vorstellung des Berufs nur einen geringen Teil ein. Wir wollen, dass sich die künftigen Abschlussjahrgänge auch mal praktisch ausprobieren können: Ist das was für mich? Habe ich Spaß daran? So findet sich vielleicht der ein oder andere in einem Berufsfeld wieder, dem er sonst keine Beachtung geschenkt hätte“, erklärt Hans-Joachim Pröchtel, bildungspolitischer Referent von WorldSkills Germany.

Sieben regionale Partnerunternehmen und -institutionen waren dabei
In folgenden Kompetenzfeldern konnten sich die Schülerinnen und Schüler versuchen:
- kreativ-sprachlich (Fullservice-Event-Agentur kmr (hier: Grafikdesign))
- untersuchend-forschend (Hörgerätefachgeschäft Lindacher Hörakustik)
- handwerklich-technisch (Berufsförderungsgesellschaft des baden-württembergischen Stuckateurhandwerks mbH)
- technisch-industriell (Sandvik Coromant (Werkreal- / Realschule) und K2 Systems (Gymnasium))
- kaufmännisch-verwaltend (Kreissparkasse Böblingen)
- pädagogisch-helfend (Sozialstation Renningen).

Welcher Praxiseinblick den Schülerinnen und Schülern vermittelt wurde? Bei Lindacher wurden zum Beispiel Abformungen für die Erstellung von Ohrpassstücken gefertigt, bei den Stuckateuren konnten sie ein Schild mit Logo zur Anbringung an einer Außenfassade entwerfen und herstellen, und im technisch-industriellen Kompetenzfeld halfen ihnen die Industriemechaniker dabei, ein Werkstück für ein Notstromaggregat zu fertigen. Bei der Kreissparkasse ging es um Kundengespräche, einmal als Bankberater/in, einmal aus Kundensicht. Und bei der Sozialstation lernten die Schülerinnen und Schüler nicht nur Blutdruckmessen, sondern auch wichtige Handgriffe im Pflegebereich.

Diese Einblicke in die Praxis punkten. Susanne Blaurock, Lehrerin der Realschule und für das Thema Berufsorientierung zuständig, sagt: „Es ist gut, dass auch die Mädchen mal mit Metall arbeiten können und die Jungs lernen, wie man einen Verband anlegt – und das in einem kompakten Rahmen. Das sind Einblicke, die sie bei einem gewöhnlichen Wochenpraktikum so nicht bekommen würden.“ Melih Simsek, Mitglied des Nationalteams der Stuckateure, ist ebenfalls überzeugt von der praktischen Herangehensweise: „Den Kindern den Beruf so näherbringen und ihnen diesen spielerisch – und nicht mit trockenem theoretischem Stoff zu vermitteln – ist das Interessante.“ Und auch Realschülern Isabel bestätigt: „Mir hat das Spaß gemacht, weil man mehr über ganz verschiedene Berufe lernt.“

Empirische Untersuchung
Die Berufsorientierungsmaßnahme wird durch das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung in Tübingen wissenschaftlich begleitet. Hierbei werden Befragungen der Schülerinnen und Schüler im Vorfeld sowie wenige Wochen nach der Berufsorientierungsmaßnahme durchgeführt. In der dritten Phase helfen Berufsberaterinnen und -berater der Agentur für Arbeit bei der Vermittlung entsprechen-der Praktika; abschließend wird noch einmal anhand der Praktikaberichte ausgewertet, ob sich die Schülerinnen und Schüler weiterhin für diese Berufe oder Berufsgruppen interessieren und wie sie dann ggf. in eine Ausbildung begleitet werden können.

„Entdecke Deine Talente“ ist eine Initiative von WorldSkills Germany im engen Zusammenwirken mit dem baden-württembergischen Ministerium für Kultus, Jugend und Sport und dem Staatlichen Schul-amt Böblingen sowie der Bürgerstiftung Renningen und der Agentur für Arbeit Böblingen.

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