Mehr (Eigen-)Initiative ist gefragt

30. November 2021

Martin Türck betreibt den YouTube-Kanal „Future-Teach“

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany Magazin – Ausgabe 21 (Dezember 2021). Lernen Sie unser Fachmagazin für Talentmanagement, berufliche Wettbewerbe und außerschulisches Lernen kennen >>

Warum sollte man einen Beruf in der Wirtschaft aufgeben, um Berufsschullehrer zu werden? „Aus finanziellen Gründen sicher nicht“, lacht Martin Türck. Er hat genau das getan: seinen gut dotierten Job als Unternehmensberater gegen das Lehramt getauscht. „Ich wollte etwas tun, das Sinn ergibt“, sagt der 33-Jährige. Mittlerweile tut er das auch außerhalb der schulischen Räumlichkeiten: Seit den Anfängen von Corona betreibt er einen YouTube-Kanal für Lehrende und Lernende. Sein Engagement für seine Berufsschulkolleginnen und -kollegen, aber auch seine Schüler/innen dürfte so manchen Volksvertreter/innen die Schamesröte ins Gesicht treiben – denn das Thema Berufsschulen ist in der Politik unterrepräsentiert. Und dazu hat Martin Türck eine klare Meinung.

„Ich mag es, mit Menschen zu arbeiten und Wissen weiterzugeben“, sagt Martin Türck über seine Berufung. Dennoch: Dass er aus der Wirtschaft kommt, möchte er nicht missen. „An Berufsschulen braucht man Leute, die schon einmal gearbeitet haben. Lehrkräfte mit Berufserfahrung können breiter eingesetzt werden.“ Martin Türck unterrichtet an den Beruflichen Schulen Groß-Gerau Wirtschaft und Politik. Davor hat er mehrere Jahre als Digital-Berater gearbeitet. Heute will er die Digitalisierung des Lehralltags mit Workshops, Tutorials und Tipps auf seiner Website und dem YouTube-Kanal Future-Teach vorantreiben. Lehrkräfte finden dort Hilfreiches für den schulischen Alltag: „Teams vs. OneNote – was ist besser für Lehrer?“ heißt ein Video, „Cybermobbing 2.0 – Deepfakes in der Schule?!“ ein anderes. Es gibt aber auch Erklärvideos zu Microsoft Office-Anwendungen, eine allgemeine Übersicht über digitale Tools oder Interviews. Mittlerweile finden sich dort auch Tipps für Berufsschüler/innen, z. B. zur Karikaturanalyse im Politikunterricht.

Das erste Video erstellte Martin Türck, als die Corona-Pandemie ihre ersten Vorboten schickte. Er erinnert sich: „Ich habe auf YouTube nach einem Teams-Tutorial gesucht und nichts gefunden. Ich dachte mir: ‚Wenn ich das schon google und nichts finde, was machen dann unerfahrenere Kolleginnen und Kollegen?‘ Da habe ich das einfach selbst gemacht.“ Die Resonanz war groß: Was mit einem einzelnen Video begann, ist mittlerweile ein YouTube-Kanal und eine angegliederte Website, die er neben seinem Lehralltag betreut. „Der Trend geht einfach dahin, dass man sich Sachen zu Hause mit Tutorials selbst beibringt“, ist er überzeugt.

Nachhaltig engagiert

Er sprüht aber auch sonst vor Engagement, hat z. B. 3D-Design als erweiterten Grundkurs oder eine Kreativ-AG in seiner Berufsschule ins Leben gerufen. Namhafte Unternehmen sponsern die Materialien, als Dank gibt es Kunstwerke von Schüler/innen. Mit nachhaltigem Effekt: Manche hat die Kreativ AG derart beeinflusst, dass sie ihr Talent mittlerweile zum Beruf gemacht haben und z. B. Grafikdesign oder Game Design studieren.

Ein Engagement, das Martin Türck gerne einbringt – und das man mehr Berufsschüler/innen und ihren Lehrkräften wünschen würde. Grundvoraussetzung ist dafür eine gewisse Basisausstattung. Aber auch Ende 2021 ruckelt es noch bei der Digitalisierung, Hardware ist knapp und es fehlen espritvolle innovative Ansätze für Berufsschulen. Wenngleich sich in den vergangenen Monaten viel getan hat: „Corona hat die Digitalisierung beschleunigt. Videokonferenzen haben zugenommen und die Verbreitung von WLAN ebenfalls. Mehr und mehr werden bei Neubauten neue Raumkonzepte und offene Klassen sowie Lernbüros etabliert. Es gibt vereinzelte neue Zeitmodelle und Versuche, mit Homeoffice-Konzepten zu lernen.“

Innovationen werden ausgebremst

Fakt ist aber auch: Es sind nicht alle Berufsschulen entsprechend gut ausgestattet. Ein großes Manko, findet Martin Türck: Seiner Meinung nach gibt es – neben der mangelhaften digitalen Ausstattung – zwei weitere Bremser in der zukunftsgerichteten Ausbildung: „Große Probleme in der täglichen Arbeit machen zum einen Datenschutzbedenken und zum anderen fehlende Mittel und Personal für die Wartung von neuen Medien. Beides führt dazu, dass Berufsschulen im digitalen Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung oft hinterherlaufen.“ Er wünscht sich mehr Pragmatismus in Deutschland: „Es kann nicht sein, dass wir auf der einen Seite Industrie 4.0, Cloud und neue KI-Technologien haben wollen, auf der anderen Seite Innovationen durch Datenschutz ‚kaputt regulieren‘.“

Er meint damit, dass in vielen Bundesländern nicht klar oder sehr restriktiv geregelt wird, welche digitalen Tools Lehrkräfte verwenden dürfen. Das führe zu viel Unsicherheit und letztlich dazu, dass schulische Innovationen nicht stattfänden. Abhilfe könnten eine größere Wahrnehmung und mehr Unterstützung durch die Politik schaffen: „Hilfreich wäre es, wenn Berufsschulen mehr Gewicht in der Bildungspolitik bekämen. In vielen Bildungsministerien laufen Berufsschulen unter ‚ferner liefen‘ und werden nicht als eigene Schulform mit entsprechendem Ressort repräsentiert.“

Für ihn passe das mit der Lebenswirklichkeit nicht zusammen: „Unsere Ausbildungsberufe waren lange Zeit Träger und Motor des Mittelstands und ein Markenzeichen Deutschlands. Leider sehen wir in Deutschland aber mehr und mehr eine angelsächsische Entwicklung hin zu: ‚Jeder Beruf wird studiert‘. Auf der anderen Seite nimmt in Berufsschulen das subjektive Empfinden zu, dass es sich hierbei um eine ‚Auffangschulform‘ für (noch) nicht arbeitsmarktfähige Schülerinnen und Schüler handelt. Beide Trends schreien aus meiner Sicht nach einer gesamtgesellschaftlichen Bildungsdiskussion.“ Weiteren Handlungsbedarf sieht er bei den Rahmenlehrplänen: „Eine große Hilfe wäre es, wenn alle aktuellen Rahmenlehrpläne den derzeitigen Berufsbildern angepasst wären. Einige Rahmenlehrpläne und Lerninhalte beinhalten noch Themen, die aus dem letzten Jahrhundert stammen und in der Praxis keine Relevanz mehr haben.“

Relevant sein – das ist es, warum er den Sprung von der Wirtschaft in die Berufsschule gewagt hat, denn: „Ich möchte etwas hinterlassen. Etwas Substanzielles tun. An gute Lehrer/innen erinnert man sich noch Jahrzehnte später.“ Martin Türck könnte für viele seiner Schüler/innen so einer sein.

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Martin Türck ist Berufsschullehrer aus Leidenschaft. (Foto: Martin Türck)

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