Technisches Equipment allein ist zu wenig

21. April 2020

Warum wir an (Berufs-)Schulen eine Didaktik der Digitalisierung brauchen

Dieser Beitrag erschien in Auszügen im WorldSkills Germany-Magazin - Ausgabe 16 (April 2020).
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Wenn in den Medien das Stichwort Digitalisierung in Kombination mit (beruflichen) Schulen fällt, ist meist von der Ausstattung mit technischem Equipment die Rede. „Das ist wichtig und klingt nett, hilft aber nicht viel – für berufsbildende Schulen wird die Digitalisierung zur Herausforderung“, legt Prof. Dr. Marc Beutner den Finger in die Wunde. Er ist Inhaber des Lehrstuhls Wirtschaftspädagogik und Evaluationsforschung der Universität Paderborn. Das Department Wirtschaftspädagogik befasst sich im Rahmen seiner Lehre und Forschung mit aktuellen und zukünftigen Fragestellungen der beruflichen Bildung, wie zum Beispiel mit neuen didaktischen Innovationen im E-Learning (Electronic-Learning) und M-Learning (Mobile-Learning). Seit vergangenem Jahr koordiniert Marc Beutner das durch die EU geförderte ERASMUS+ Projekt EDU-VET.

„In Zukunft müssen berufsbildende Schulen nicht nur Smartboards oder einen PC-Raum bereitstellen, um zu zeigen, dass sie für eine veränderte Lebenssituation bereit sind, sondern sich auch darauf konzentrieren, Kurse online anzubieten und E-Learning in ihre täglichen Lehraktivitäten zu integrieren“, erklärt er den Hintergrund. „Das Hauptziel des EDU-VET-Projekts ist die Schaffung neuer Lehr- und Lernumgebungen für die Berufsbildung. Wir entwickeln ein Curriculum sowie einen Online-Lehrplan zum Erlernen der technischen Bildung im Bereich des Metallbaus an Berufsschulen. Somit unterstützen wir Lehrkräfte mit geeigneten innovativen Lernressourcen und zeigen Lernenden mit innovativen modernen Möglichkeiten, wie sie mit Themen und Lernaktivitäten umgehen können“, erläutert Beutner.

Sechs Partner arbeiten im Projekt

Das Projekt steht noch am Anfang, ist im September 2019 gestartet und soll insgesamt knapp zwei Jahre laufen. Es wird durch das ERASMUS+ Programm zur Förderung von allgemeiner und beruflicher Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Kommission mitfinanziert. Sechs internationale Partner sind beteiligt: Die Universität Paderborn agiert als Koordinatorin und generiert die Lerneinheiten. Ein deutsches Industrieunternehmen stellt das technische Equipment zur Verfügung. Hinzu kommen noch die Berufsschulen Bocholt (Deutschland), Lancaster (Großbritannien), Coruña (Spanien) und Doetinchem (Niederlande). Beim Pilotprojekt steht die Metallbranche im Fokus, weil alle Berufsschulen in diesem Bereich ihren Schwerpunkt haben.

E-Learning und das Online-Klassenzimmer als neue Lehr- und Lernumgebung. (Designed by Freepik)

Am Puls der Zeit bleiben

Was passiert konkret im Projekt? „Wir wollen im Fachunterricht Aspekte mit aufnehmen, die das moderne Arbeitsleben in Blended-Learning-Formen abbilden, also in Präsenz- und E-Learning-Phasen“, erklärt Marc Beutner. Hierzu bauen die Partner eine Lernplattform mit verschiedenen Schwerpunkten wie Bohrtechniken, unterschiedlichen Arten des Bohrens, Gewindegestaltung und mehr auf. Der Präsenzunterricht der Lehrkräfte soll mehr Raum für Reflexion und tiefergehende Informationen und Analysen lassen; auf der Plattform sollen die Lernenden Basisinformationen finden, sich für den Unterricht vor- oder Lernstoff nachbereiten. Auf diese Weise können die Schülerinnen und Schüler ihre Medien- und Fachkompetenz zum Beispiel in den Feldern Prozessorientierung, Schnittstellen oder auch ihre Fachkenntnisse stärken. „Die Veränderungen in der Arbeitswelt in den letzten Jahren waren aufgrund der Digitalisierung rasant. Wer heute mit CNC-Drehbänken arbeitet, benötigt stets Programmierkenntnisse. Das hat nichts mehr mit klassischen Drehbänken zu tun. Auch die Lehrkräfte müssen am Puls der Zeit bleiben und sich anpassen“, so Marc Beutner. Daher sind die involvierten Lehrkräfte der Partner-Berufsschulen von vornherein am Schaffens- und Findungsprozess beteiligt, sodass der Projektansatz nicht theoretisch an den Zielgruppen vorbeigeplant wird.

Einheitliche Standards setzen

Dieser offene Prozess soll sich durch das gesamte Projekt ziehen: Die Öffentlichkeit wird auf der Homepage über sämtliche Fortschritte informiert. Ziel ist es auch, die Ergebnisse als „open educational resources“, also als freie Lehrmaterialien, weiteren interessierten Lehrkräften anderer Berufsschulen oder Professionen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Materialien werden in englischer Sprache verfasst und dann in die Sprachen der übrigen Projektteilnehmer übersetzt. „Wir verfolgen den europäischen Gedanken und wollen – trotz unterschiedlicher Schul- und Bildungssysteme – einheitliche Standards setzen und unsere curriculativen Konzepte abstimmen“, berichtet Marc Beutner.

Fokus auf den lebenslangen Fortentwicklungsprozess

Warum das so wichtig ist, zeigen die aktuellen Herausforderungen im Bereich der beruflichen Bildung: „Es ist wichtig, die Schülerinnen und Schüler bei ihren Realproblemen abzuholen. Rein theoretische Fragestellungen ohne Kontext bringen nicht viel. Der Anteil an praktischer Übung muss erhöht, aufgearbeitet und reflektiert werden. Junge Menschen in der Berufsausbildung werden heutzutage unzureichend auf Lebenssituationen vorbereitet. Der Veränderungszeitraum von Informationen oder Technologien hat sich radikal verkürzt. Wir müssen auf dem Arbeitsmarkt flexibler agieren, Menschen müssen dauerhaft gefördert werden: Wir müssen in der Gesellschaft einen stärkeren Fokus auf den lebenslangen Fortentwicklungsprozess legen. Das ist auch im Sinne der Betriebe, die ihre Rollen und Aufgaben in diesem Kontext annehmen müssen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Die Digitalisierung beschleunigt diesen Aspekt. Hier sind alle Akteure gefragt: Schulen, Kammern, Politik, Verbände und mehr“, plädiert Marc Beutner. Langfristig müsse sich diese Entwicklung auch in den Prüfungsszenarien widerspiegeln. Aber das sei der fünfte vor dem ersten Schritt, sagt er. „Zuerst wollen wir im Projekt den didaktischen Digitalisierungsansatz etablieren.“

Mehr über das Projekt und den Forschungsstand auch in Zeiten der Corona-Pandemie lesen Sie hier >>

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Auch bei den Deutschen Meisterschaften in der Disziplin „CNC-Fräsen“ zeigt sich: Programmierkenntnisse sind bei der Arbeit mit CNC-Maschinen unerlässlich. (Foto: Werner Kuhnle)

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