Brückenbauer der Bildung: 20 Jahre Exzellenz, Leistung und Zusammenhalt

1. September 2026

Wenn berufliche Talentförderung zur Herzenssache wird: Ein Blick zurück auf zwei Jahrzehnte des Vereins WorldSkills Germany, erzählt von Menschen, die Geschichte schrieben und Karrieren prägten.

Wenn in den riesigen Messehallen dieser Welt für einen kurzen Moment Stille einkehrt, scheint die Luft förmlich zu knistern. Es riecht nach frisch gesägtem Holz, kühlem Metall, neuer Farbe und hochmoderner Elektronik. An ihren Arbeitsplätzen stehen Menschen mit festem Griff am Werkzeug, wachem Blick und einer Konzentration, die den gesamten Raum erfüllt. Ihre Nerven sind angespannt wie Drahtseile, denn hier kämpfen die besten Fachkräfte des Planeten um Millimeter, Bruchteile von Sekunden und emotionale Höchstleistungen.

Dass deutsche Talente auf dieser internationalen Bühne regelmäßig über sich hinauswachsen und Spitzenplatzierungen erreichen, ist längst kein Zufall mehr. Es ist das Ergebnis einer beeindruckenden Reise, deren Fundament zwar bereits im Jahr 1953 gelegt wurde, die jedoch vor zwei Jahrzehnten eine entscheidende Wendung nahm. Mit einem mutigen Schritt und einer klaren Vision läutete die Gründung des Vereins WorldSkills Germany damals eine völlig neue Ära der beruflichen Spitzenförderung ein.

Von Wuppertal in die Welt: Die Wurzeln seit 1953

Die Geschichte der deutschen Teilnahme an den internationalen Berufswettbewerben begann bereits im Jahr 1953. Damals reiste eine Delegation aus Wuppertal nach Madrid, um sich erstmals im inter-

Ein Auszug aus dem Tag der Gründung von WorldSkills Germany e. V., 2006
Foto: WorldSkills Germany

nationalen Rahmen mit anderen Fachkräften zu messen. Aus dieser Erstteilnahme entwickelte sich eine durchgehende Präsenz, denn Deutschland ist die einzige Nation, die seit 1953 an jeder Austragung der WorldSkills lückenlos vertreten war.

All diese Meilensteine und Erfolge prägten die Entwicklung des Wettbewerbs über Jahrzehnte hinweg, noch bevor die Strukturen im heutigen Verein WorldSkills Germany gebündelt wurden. In dieser Ära vor der Vereinsgründung brachte die Bundesrepublik zusammen mit Österreich und der Schweiz die Strukturen des dualen Ausbildungssystems in das internationale Format ein. Auch als Gastgeber trat das Land früh auf: Bereits 1961 fanden die Wettbewerbe in Duisburg statt, 1973 folgte München als Austragungsort und genau 40 Jahre später, im Jahr 2013, erlebte das Land mit den WorldSkills in Leipzig ein weiteres grandioses Heimspiel. Diese Rolle als verlässlicher Gastgeber stellte Deutschland auch 2022 unter Beweis, als man im Rahmen der WorldSkills Special Edition gleich eun internationale Wettbewerbe beherbergte. Neben diesen Großveranstaltungen auf eigenem Boden nutzten deutsche Teams regelmäßig internationale Stationen, wie die WorldSkills 1983 im österreichischen Linz, um sich im globalen Vergleich zu behaupten und fachliche Standards mitzugestalten.

Der Mut zum Aufbruch: Aus einer Vision wird ein Fundament

Obwohl die Tradition reich an Höhepunkten war, spürten Verbände und Unternehmen nach der Jahrtausendwende, dass die Förderung des beruflichen Nachwuchses eine modernere und dynamischere Heimat brauchte. Die Teilnahme sollte daher auf allen Ebenen weiter professionalisiert werden. Im Jahr 2006 schlug deshalb die Geburtsstunde des Vereins Skills Germany (heute WorldSkills Germany e. V.). 17 Gründungsmitglieder aus Wirtschaft, Verbänden und Bildungsträgern schlossen sich in Stuttgart zusammen, um das Konzept „Lernen im Wettbewerb“ auf ein neues Niveau zu heben. Geschäftsführer Hubert Romer bringt den damaligen Pioniergeist auf den Punkt: „Es war der starke Wille deutscher Verbände und Unternehmen, Deutschlands Teilnahme bei den WorldSkills weiterhin zu garantieren. Und es war der Mut, einen eigenen Verein zu gründen, um modern und dynamisch voranschreiten zu können.“

Starke Unterstützung kam von Beginn an direkt vom Bundesbildungsministerium, das der Organisation sein Vertrauen schenkte und offiziell das Mandat für die WorldSkills-Wettbewerbe – auf europäischer Ebene gemeinsam mit dem ZDH – übertrug. Ein entscheidender Impuls folgte im Jahr 2007, als die damalige Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan die Schirmherrschaft übernahm. Als die Initiative auf der Hannover Messe erstmals nationale Vorausscheide im großen Stil organisierte, herrschte unter den Tausenden Zuschauenden eine beinahe olympische Atmosphäre. Strahlend überreichte Schavan den Siegerinnen und Siegern die Medaillen für ihre Reise zur Weltmeisterschaft nach Shizuoka in Japan und verlieh der Bewegung damit das nötige politische Gewicht.

Mit diesem Rückenwind etablierte sich die Organisation Schritt für Schritt als offizielle deutsche Vertretung bei den WorldSkills und EuroSkills. Was einst als mutige Idee auf einem unbeschriebenen Blatt Papier begann, mündete in einen nachhaltigen Aufbau mit enormer Strahlkraft: Die anfänglichen 17 Gründungsmitglieder legten das Fundament für ein starkes Netzwerk, das heute weit mehr als 100 Mitglieder, Partner und Förderer vereint.

Das Sommermärchen von Leipzig: Ein Funke entfacht ein ganzes Land

Mit den WorldSkills 2013 in Leipzig folgte der bisher größte Höhepunkt in der Geschichte der deutschen Teilnahme. Die Heim-WM auf der Messe Leipzig entwickelte sich zu einem Großereignis der Superlative. Unter der Schirmherrschaft der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel traten über 1.000 Teilnehmende aus 53 Ländern in 46 Disziplinen gegeneinander an, angefeuert von mehr als 200.000 Besucherinnen und Besuchern. Das deutsche Team ging mit 41 Teilnehmenden in 36 Skills an den Start und feierte mit zwei Gold-, vier Silber- und drei Bronzemedaillen einen historischen Erfolg.

Für Wegbereiterin Elfi Klumpp, die WorldSkills Germany von 2006 bis Anfang 2014 als geschäftsführendes Vorstandsmitglied leitete und heute bei Festo Didactic als Head of Partnership Development die weltweiten WorldSkills-Aktivitäten koordiniert, war die Reise von der ersten Vision bis zur erfolgreichen Durchführung eine emotionale Achterbahnfahrt: „Da gibt es so viele Momente – vom ersten Aufbruch, eine Bewerbung für Deutschland auf den Weg zu bringen, über den erlösenden Zuschlag für Leipzig in Calgary bis hin zu den WorldSkills in Leipzig selbst. Das waren acht Jahre voller Emotionen, intensiver Arbeit, unvergesslicher Momente, aber auch mancher Rückschläge.“

Auch für den Senior Technischen Delegierten Franz Schropp markiert die Heim-WM der Berufe in Leipzig den absoluten Höhepunkt der Vereinsgeschichte: „Der wichtigste Meilenstein war die Schaffung von WorldSkills Germany und die Zepterübergabe an Hubert Romer. Aber der größte Wettbewerb überhaupt war unschlagbar 2013 in Leipzig.“

Die WorldSkills 2013 in Leipzig lenkten die Scheinwerfer der Öffentlichkeit mit eindrucksvoller Strahlkraft auf die Exzellenz der beruflichen Bildung. „Mit diesem Heimspiel haben wir bewiesen, dass wir eine so große Veranstaltung mit Bravour durchführen können“, unterstreicht auch Michael Hafner, Vorstandsvorsitzender von WorldSkills Germany. Diese organisatorische Meisterleistung war jedoch erst der Auftakt für viele weitere internationale Begegnungen. Die besondere Faszination dieser Großevents begleitete ihn auch in den Folgejahren weltweit: „Ob Abu Dhabi, Russland, die dezentralen Austragungen während Corona, Lyon oder Shanghai – jeder Wettbewerb bringt unglaublich spannende Momente mit sich. Wie groß die internationale Tragweite ist, zeigte sich etwa in Kasan und Lyon, wo prominente Spitzenpolitik vor Ort war. Auch die rund 40.000 Zuschauer bei den Eröffnungs- und Schlussfeiern in Kasan waren schlicht beeindruckend.“

Dass diese Bühne nicht nur ein Millionenpublikum, sondern auch höchste politische Ebenen fasziniert, erlebte auch Hubert Romer hautnah. In seinen Erinnerungen sticht ein ganz bestimmter Moment heraus: „Der persönliche Austausch mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel ist mir tief im Gedächtnis geblieben. Sie war tatsächlich immer ehrlich interessiert an unseren Champions.“

Dass diese Gastgeberqualitäten und der Geist von Leipzig bis heute fortwirken, zeigte sich auch in jüngerer Vergangenheit: Als der Verein im Rahmen der Special Edition 2022 kurzfristig Wettbewerbe in neun Disziplinen an verschiedenen deutschen Standorten ausrichtete, stellte Deutschland erneut unter Beweis, mit wie viel Leidenschaft und Flexibilität das Land als Bühne für internationale Berufswettbewerbe steht.

Ein Auszug aus dem Tag der Gründung von WorldSkills Germany e. V., 2006
Foto: WorldSkills Germany

Vom Gewinner zum Wegbereiter: Geschichten, die das Leben schreibt

Was WorldSkills Germany im Kern ausmacht, zeigt sich vor allem in den Lebensläufen der Beteiligten. Rudolf Angerer ist dafür das beste Beispiel. Im Jahr 1983 reiste er als Teilnehmer zum internationalen Berufswettbewerb nach Linz, holte die Goldmedaille im Kfz-Mechatronik-Handwerk und legte damit das Fundament für seine spätere Karriere.

„Dieser prestigeträchtige Sieg öffnete mir schlagartig unzählige Türen“, erzählt Angerer. „Führende Automobilhersteller meldeten sich bei mir, exklusive Weiterbildungen standen mir offen. […] Doch ich wählte den Weg in die Selbstständigkeit. Mit den Tugenden, die schon den Grundstein für meinen Sieg legten, nämlich Fleiß, Disziplin und ein kompromissloser Qualitätsanspruch, habe ich mein Unternehmen aufgebaut. […] Daraus ist ein florierendes, modernes Autohaus mit 25 Mitarbeitern gewachsen.“

Die Faszination für den Wettbewerb ließ ihn nie wieder los. Über Jahrzehnte hinweg blieb Angerer dem Verein treu und gab als Experte für Kfz-Mechatronik bis 2015 sein Wissen an die nächsten Generationen weiter:

„Nachdem ich 1983 selbst als Teilnehmer auf der Bühne stand, wechselte ich bereits 1989 zum ersten Mal auf die andere Seite des Wettbewerbs. Von da an war ich für WorldSkills Germany im Zweijahresrhythmus durchgehend als Experte für Kfz-Mechatronik tätig. Ich durfte mein Wissen weitergeben und mit Herzblut Nachwuchstalente fördern, bevor ich im Jahr 2015 in Brasilien meine aktive Karriere als internationaler Experte erfolgreich abschloss. Diese Aufgabe hat mich immer tief geprägt und neu motiviert.“

Ein starkes Netzwerk für Inklusion, Politik und Zukunft

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich WorldSkills Germany von einer reinen Wettbewerbsvertretung zu einem dynamischen Netzwerk und bedeutenden Impulsgeber für die Bildungspolitik entwickelt. Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, zeigt sich nicht zuletzt in den bundesweit zertifizierten Leistungs- und Bundesleistungszentren, in denen Spitzentalente tagtäglich über sich hinauswachsen.

Die Dynamik dieser Entwicklung betont auch Michael Hafner: „Die Entwicklung der Wettbewerbe hat in diesen 20 Jahren enorm Fahrt aufgenommen. In den letzten zehn Jahren ist es uns gelungen, den Wettbewerbscharakter direkt in die Ausbildung zu transformieren. Gleichzeitig haben wir die Öffentlichkeitsarbeit stark nach vorne gebracht.“

Dieser strategische Fortschritt spiegelt sich längst auch im internationalen Vergleich wider. Nicht nur organisatorisch, sondern auch fachlich hat sich das Niveau stetig gesteigert: „In Europa sind wir seit den EuroSkills in Dänemark an die erste Stelle gerückt“, erklärt Hafner stolz und führt den Erfolg auf ein ganzheitliches Konzept zurück: „Dazu beigetragen hat sicherlich auch die professionelle psychologische Betreuung, die wir unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern seit Jahren anbieten.“ Dieser Rückhalt stärkt nicht nur die Einzelnen, sondern festigt vor allem das Fundament des Erfolgs. Denn für Michael Hafner steht am Ende immer der Teamgeist im Mittelpunkt: „Ich freue mich jedes Mal aufs Neue auf unsere Mannschaft, die wir gemeinsam benennen und formen. Mannschaftliche Geschlossenheit und gegenseitige Unterstützung stehen dabei immer an allererster Stelle.“

Dass Zusammenhalt und fachlicher Anspruch Hand in Hand gehen, prägt die gesamte Vereinsphilosophie: Als Organisation der beruflichen Bildung verbindet WorldSkills Germany Höchstleistung mit breiter Nachwuchsförderung – stets getragen von einem Gemeinschaftsgefühl, das geografische Grenzen und Generationen überschreitet.

Dass es vor allem diese menschlichen Begegnungen sind, die die Faszination des Vereins ausmachen, bestätigt Malin Lange, Leiterin der Geschäftsstelle: „Es sind Erfolgs- und Entwicklungsgeschichten in einem absolut inspirierenden und motivierenden Umfeld; ein weltumspannendes Netzwerk, in dem alle Akteure mit Leidenschaft dabei sind. Unvergessen bleibt für mich etwa die Eröffnungsfeier der WorldSkills 2015 in São Paulo: Mexiko trat damals mit nur einem einzigen Teilnehmer an und das gesamte Stadion stand auf, um diesem Competitor die Ehre zu erweisen. Das war ein einmaliges Zeichen von internationaler Freundschaft und Zusammenhalt.“

Gleichzeitig dient die eigene Geschichte als Ansporn für kommende Aufgaben. Nach zwei Jahrzehnten intensiver Aufbauarbeit richtet sich der Blick des Vereins längst wieder voller Tatendrang nach vorne. Für Malin Lange markiert insbesondere der Zuschlag für die Ausrichtung der EuroSkills 2027 in Düsseldorf ein weiteres Meilensteinkapitel: „Die WorldSkills Leipzig 2013 habe ich leider verpasst. Umso beeindruckender war es für mich persönlich, aktiv dabei gewesen zu sein, als wir die EuroSkills 2027 nach Deutschland geholt haben.“

Auf ein solches Netz aus Erinnerungen und weltweiten Kontakten blickt auch Franz Schropp mit Stolz zurück: „In tiefster Erinnerung ist bei mir der Empfang durch Frankreichs Präsident François Hollande im Élysée-Palast in Paris. Aber das Wertvollste ist: Durch WorldSkills Germany hat man heute gute Freunde und Bekannte auf der ganzen Welt.“

Wenn schließlich Geschäftsführer Hubert Romer auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückschaut, bündelt sich die Vereinsphilosophie in einem Gefühl der Dankbarkeit und Begeisterung: „Ein dauerhafter Meilenstein ist für mich die einzigartige Gemeinschaft, die Fachkompetenz und der Enthusiasmus über alle Generationen hinweg. Die Feiern mit den National-Teams, die gemeinsamen Momente beim Segeln auf der Schlei oder das Mitfiebern, wenn unsere Champions auf der Bühne stehen – es gibt so viele Momente, ich kann gar nicht aufhören zu erzählen.“

So stehen 20 Jahre WorldSkills Germany für Leidenschaft, fachliche Höchstleistungen und vor allem für eine unzertrennliche Verbindung. Wer die Fachkräfte von morgen stärkt und Erfolge gemeinsam feiert, baut tragfähige Brücken für die Zukunft.

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